Für das Landesrundschreiben der Kassenärztlichen Vereinigung in Bremen habe ich einen Beitrag über den Mega-Trend Internet-Medizin geschrieben und ein spannendes Interview mit Markus Müschenich, dem Vorstand des Bundesverbandes Internetmedizin, geführt. Hier ein Auszug:

„Hört nicht auf Dr. Google!“: Interview mit Dr. med. Markus Müschenich, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin sowie Vorstand des Bundesverbandes Internetmedizin

Diagnosen finden zunehmend via Internet statt, Gesundheits-Apps überwachen Blutdruck, Insulinmengen oder den Verlauf von Schwangerschaften – die Internetmedizin ist ein Mega-Trend. Wie skeptisch ist dabei die deutsche Ärzteschaft?

Müschenich: Deutschlands Ärzte sind offener als man glaubt, es herrscht alles andere als eine Blockade-Haltung. Auf dem Deutschen Ärztetag wurde sogar ein Vorstandspapier verabschiedet, nach dem evidenzbasierte Telemedizin besser sein kann als analoge Medizin.

Was heißt das konkret?

Müschenich: Für den Berufsalltag von Ärzten kann das zum Beispiel bedeuten, dass ein elektronisch geführtes Diabetiker-Tagebuch besser nutzbar ist als ein herkömmliches auf Papier. Oder dass eine Video-Sprechstunde mit einer Schwangeren, die das Bett hüten muss, vielleicht für die Patientin besser ist als der Gang in die Praxis.

Hat das alte Berufsbild Arzt also ausgedient?

Müschenich: Wenn gute Medizin vor allem gute Information und gute Kommunikation bedeutet, dann ist doch die Telemedizin nichts anderes, als mit neuen Werkzeugen eben genau Informationen und Kommunikation mit dem Patienten zu gewährleisten. Ich kann Ressentiments vor den neuen Werkzeugen verstehen – aber sie müssen aus dem Weg geräumt werden. Denn der Trend Internetmedizin ist keine Bedrohung für uns Ärzte, sondern eine Chance, die Medizin grundlegend zu verbessern.

Wie verbessert er den bisherigen Berufsalltag von Ärzten?

Müschenich: Durch die Internetmedizin wird die Diagnosefindung ein Stück weit aus den Händen der Ärzte genommen, die ganz banale Erst-Diagnostik erledigen zunehmend IT-Anwendungen. Mittlerweile kann der Patient zum Beispiel mit dem smartphone den Blutfluss in der Fingerbeere filmen und daraus ableiten, ob Herzrhythmusstörungen vorliegen. Oder mobile EKGs mit dem smartphone mit sich tragen und die Ergebnisse an den behandelnden Arzt weiterleiten, ohne in der Praxis zu erscheinen.

Können die Gesundheits-Apps auch behandeln?

Müschenich: Wie die therapeutische Behandlung in der Informationstechnologie abgebildet werden kann, wird die Zukunft zeigen. Im Moment sind wir im Stadium, dass klassisches Oma-Wissen von IT-basierten Anwendungen geliefert wird. Die App kann Dir sagen: Du hast leicht erhöhte Temperatur, aber das ist keine Lungenentzündung, Du musst noch nicht zum Arzt.

Kommen durch die Telemedizin also weniger Menschen zum Arzt?

Müschenich: Das hoffe ich. (…)

http://www.kvhb.de/landesrundschreiben-märz-2016