In dem aktuellen Landesrundschreiben der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen ist ein Artikel von mir über die ungewöhnlich hohe Selbstmordrate unter Medizinern erschienen. Hier ein Auszug:

Als sich vor einigen Jahren in Bremen zwei Anästhesisten völlig überraschend das Leben nahmen, schreckte die Bremer Ärzteschaft auf: „Das waren zwei sehr engagierte und hart arbeitende Kollegen, von denen ich niemals gedacht hätte, dass sie mit dem Gedanken an Selbstmord spielen“, gesteht ein Mediziner am Klinikum Mitte, die seinen Namen nicht nennen möchte. „Ich kannte die beiden sehr gut, doch sie haben nie über Druck oder Sorgen gesprochen.“

Über das Phänomen Suizide unter Medizinern wird eher selten gesprochen – und zwar nicht nur in der Ärzteschaft, sondern auch in der Gesamtgesellschaft. Das möchte Prof. Dr. Mariam Klouche vom Bremer Zentrum für Laboratoriumsmedizin ändern: „Wir wollen Aufmerksamkeit schaffen dafür, dass nur gesunde Ärzte auch die besseren Heiler sind. Wir wollen ein Netzwerk gründen, in dem wir in einen regelmäßigen Austausch treten und im besten Fall Anleitung geben zu mehr Widerstandskraft im Berufsleben.“ Im vergangenen Dezember gründete die Bremerin die Stiftung Ärztegesundheit gemeinsam mit Prof. Jörg Braun, Chefarzt Innere Medizin und stellvertretender Ärztlicher Direktor an der Park-Klinik Manhagen, sowie mit Prof. Gerd Witte, einem niedergelassenen Radiologen. Die Einrichtung mit Fokus auf Medizinern diesmal in der Rolle des Patienten ist einmalig in Deutschland.

Was in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist: Ärzte begehen viel häufiger Selbstmord als der Bevölkerungsdurchschnitt, sie werden häufiger suchtkrank, fallen häufiger in eine Depression. Zahlreiche internationale Studien belegen diese Tatsachen: So hat die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) in einer Studie aus dem Jahr 2012 das Suizidrisiko bei Ärzten 1,1 bis 2,4-fach und bei Ärztinnen sogar 2,3 bis 5,6-fach höher als in der Gesamtbevölkerung beziffert. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2004 hatte jeweils die entsprechenden Faktoren von 1,4 und 2,3 hervorgebracht. Vergleichbare Studien aus den USA und aus Norwegen bestätigen das Bild des extrem suizidgefährdeten Arztes.

Banal aber besonders makaber dabei: Die Suizidrate unter Medizinern ist auch deshalb so hoch, weil Ärzte wissen, wie es geht. „Unter Nicht-Medizinern misslingen viele Selbstmordversuche, ein Arzt hingegen weiß zum Beispiel, wie man eine Vene so öffnet, dass man auch schnell daran verblutet“, erklärt Mariam Klouche. Hinzu kommt, dass Ärzte Zugang zu Medikamenten haben und wissen, wie diese eingenommen werden müssen, um tödlich zu wirken. Deshalb ist die häufigste Art, sich das Leben zu nehmen, unter Medizinern in Deutschland der Missbrauch von Pharmazeutika, im Fachjargon der Studien „Vergiftung“. Ein Faktor, der weltweit nach Gesetzeslage und Gesundheitssystem stark variiert: In den USA bringen sich Ärzte am häufigsten mit Schusswaffen um.

Mariam Klouche betont den Umstand, dass die gesundheitliche Gefährdung unter Frauen, die im deutschen Gesundheitssystem arbeiten, noch einmal deutlich höher ist als bei Männern: „Wenn man im Schnitt sagen kann, dass sich Ärzte rund drei Mal häufiger selbst töten als der Durchschnitt, dann liegt dieser Faktor bei Männern zwischen 2 und 3, bei Frauen aber zwischen 4 und 5“, fasst Mariam Klouche von der Stiftung Ärztegesundheit die Ergebnisse einer Reihe von Studien aus den vergangenen 15 Jahren zusammen. „Das finde ich erschreckend.“ Warum dies so ist, kann Mariam Klouche nur vermuten: „Psychologisch ist hier vor allem von Bedeutung, dass Ärztinnen ihre Rolle als Helfende auch zu Hause oft nicht ablegen können, da Partner oder die Familie erwarten, von ihr umsorgt zu werden. Dabei wird oft vergessen, dass gerade Ärztinnen zu Hause auch Geborgenheit gebrauchen können oder vielleicht sogar Hilfe brauchen.“

Damit ist die Stiftungsgründerin bereits den Ursachen für die hohe Suizidalrate unter Medizinern auf der Spur: Laut einer Forschergruppe um Dr. Katherine J. Gold an der University of Michigan, die das Phänomen anhand von 30.000 Suizidopfern in den USA untersucht hat, sind beruflicher Stress und eine unzureichende Behandlung psychischer Erkrankungen die Hauptursachen für die überdurchschnittlichen Ärzte-Selbstmorde.

Auch andere Befunde deuten auf berufliche Hintergründe als Ursache: Ärzte leiden besonders unter hohem Leistungsdruck, hohem Leistungsethos und zugleich psychischer Labilität, heißt es zum Beispiel in der DGPM-Studie. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass berufliche Ursachen hinter den überdurchschnittlichen Suiziden stecken, ist auch der Umstand, dass sich Mediziner häufiger am Arbeitsort umbringen als Otto Normalverbraucher. „Wir alle wissen, dass die berufliche Belastung für Ärzte in den letzten Jahren stark zugenommen hat“, sagt Mariam Klouche am Bremer Laborzentrum. Zehnstündige Arbeitstage seien Normalität geworden, hinzu kommen die umfangreichen Dokumentationspflichten und die zunehmende Ausrichtung der Einrichtungen nach Wirtschaftlichkeit. „Das nimmt mehr und mehr die Befriedigung am Behandlungserfolg, die Ärzte ganz einfach brauchen.“ Die Folge sind häufigere Beziehungskrisen bei Ärzten, mehr Depressionen, mehr Selbstmorde.

Mehr unter: http://www.kvhb.de/landesrundschreiben-juli-2015