Für den Deutschen Journalistenverband habe ich einen Bericht über die Herausgeber von Special Interest-Titeln in Norddeutschland geschrieben, die trotz der Medienkrise florieren und – im Gegensatz zu traditionellen Verlagshäusern – kein Personal entlassen, sondern mehr suchen. Hier ein Auszug:

Zeitungsverlage feuern massenhaft Redakteure, große Häuser fusionieren unter Sparzwang. Doch spezialisierten Fachverlagen geht es trotz Medienkrise gut – für Journalistinnen und Journalisten werden sie als Arbeitgeber immer attraktiver. Die Nordspitze hat sich in Norddeutschlands Fachverlagen umgeschaut…

Um den Druck der ersten Ausgabe von „Trucks & Details“, einer Fachzeitschrift für ferngesteuerte Lkw-Modelle zu bezahlen, verkaufte Tom Wellhausen vor 17 Jahren sein eigenes Auto. „Wir hatten null Eigenkapital. Die Verlagsgründung war ein Versuch – wir gaben uns ein Jahr Zeit, um zu sehen wie es läuft“, erinnert sich Wellhausen, heute Geschäftsführer der Wellhausen & Marquardt
Mediengesellschaft bR mit Sitz in Hamburg. „Knapp zwei Jahre später gab ich mein Angestellten-Verhältnis im Bauer-Verlag auf, um mich ganz dem von mir und Christian Marquardt gegründeten Verlag zu widmen.“ Neun regelmäßige Zeitschriften und zahlreiche Sonderpublikationen geben Wellhausen & Marquardt heute heraus – darunter Fachzeitschriften über Drachensport, Puppen und Teddybären sowie das Mitgliedermagazin für den Deutschen Modellflieger Verband. „In den vergangenen fünf Jahren konnten wir die Reichweite unserer Zeitschriften verdreifachen, indem wir unsere Workflows komplett geändert haben“, berichtet Tom Wellhausen. „Früher machten wir die zuerst die Druckausgaben, heute kümmern wir uns zuerst um die digitalen Kanäle, produzieren News-Apps, Videofilme für Youtube, stellen Meldungen bei Facebook und Google+ ein.“

Die Erfolgsgeschichte von Wellhausen & Marquardt steht exemplarisch für die vergleichsweise stabile Lage, mit der kleine Fachverlage heute der Medienkrise trotzen: Während klassische Zeitungs- und Zeitschriftenverlage weiter unter Anzeigen- und Abonnentenschwund bluten, können Nischentitel ihre Leser halten und verdienen mit innovativen Geschäftsmodellen. So wurde bereits im Jahr 2000 im schleswig-holsteinischen Ahrensburg das VersicherungsJournal als erster tagesaktueller Online-Informationsdienst für die Versicherungsbranche entwickelt. „In dieser Marktlücke konnten wir uns jahrelang mehr oder weniger unbehelligt etablieren. Das brachte uns einen Vorsprung, den unsere inzwischen zahlreichen Nachahmer nicht so leicht aufholen können“, sagt Claus-Peter Meyer, Herausgeber bei der VersicherungsJournal Verlag GmbH. Die Vorteile seines Fachverlages seien die Konzentration auf eine Zielgruppe, zu der ein enger Kontakt gepflegt wird, und die Kreativität eines kleinen Teams mit der Fähigkeit, auf Marktänderungen schnell reagieren zu können. „Diese simple Strategie ist die Basis vieler erfolgreicher Geschäftsmodelle und wird von uns auch beim Weiterentwickeln unseres Medienangebots verfolgt.“

In Bremen hat sich der 1810 gegründete Schünemann Verlag ein breites Portfolio an Mitgliederzeitschriften und Sprachmagazinen aufgebaut, er gibt unter anderem den Handelskammer-Titel „Wirtschaft in Bremen“ und die Fachzeitschrift „Business World and Press“ heraus. „Der Markt für Endverbraucher ächzt unter einer Angebotsüberflutung bei gleichzeitigem Einbruch des Anzeigengeschäfts“, urteilt Gesellschafter Herrmann Schünemann. „Auf der B2B-Schiene hingegen besteht noch viel Potential.“ Immer mehr Verbände entschieden sich für ein eigenes Magazin, um ihre Mitglieder zu erreichen. Und der Absatz der auf Business-Englisch, Italienisch und Französisch spezialisierten Titel entwickle sich so positiv, dass an Konzepten für neue Titel gearbeitet werde, berichtet Schünemann. „Uns geht es trotz Medienkrise gut.“

Ein positiver Effekt dieser Nischenentwicklung: Immer mehr Journalisten finden Jobs bei Fachverlagen. Laut der aktuellen Umfrage „Jobsituation und Anforderungsprofile bei deutschen Fachmedienhäusern“ der Professoren Dr. Lutz Frühbrodt und Dr. Michael Sturm von der Hochschule Würzburg-Schweinfurt sind derzeit fast 60 Prozent der deutschen B2B-Verlage auf der Suche nach Fachredakteuren.

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