Auf dem Filmfest München habe ich eine Podiumsdiskussion besucht, die der Frage nachging, wie die Förderlandschaft das Gesicht des deutschen Films bestimmt. Hier mein Bericht:

Wenn koproduzierende Fernsehredakteure verlangen, dass Filmfiguren das Rauchen bleiben lassen oder gar die Haarfarbe wechseln. Wenn Filmförderanstalten sexuelle Untertöne aus einem Drehbuch wegwünschen und dem wirtschaftlich bewährten Produzenten eher ein Förderdarlehen auszahlen als einem Newcomer mit Wagnis-Projekt. Dann wird die Frage immer drängender: In welchem Ausmaß sind es wirklich die Filmautoren selbst, die über das Wesen des deutschen Films bestimmen? „Wer entscheidet über den deutschen Film?“ So lautet der Titel einer öffentlichen Podiumsdiskussion, die der Verband der deutschen Filmkritik (VdFk) während des 33. Filmfest München im Kulturzentrum Gasteig veranstaltete. Nur wenige Tage nach der thematisch ähnlich angelegten Diskussion „Filmen am Abgrund?“ des Film- und Medienbüros Niedersachsen in Hannover setzten sich in München in einem stellenweise äußerst kontrovers geführten Streitgespräch Filmemacher, Förderer und Kritiker mit der Lage der deutschen Filmförderlandschaft auseinander. So verteidigte Cornelia Ackers, Leiterin der Abteilung Kinderfilm / Einzelprojekte beim Bayerischen Rundfunk, die engagierte Arbeit von Redakteuren bei den Rundfunkanstalten. „Wir leiden unter einem sehr schlechten Image, dabei fördern wir immer wieder ambitionierte Projekte mit vollem Einsatz und echtem Herzblut“, sagte Ackers und verwies auf Ausnahmefilme wie Frauke Finsterwalders „Finsterworld“, der trotz kontroverser Inhalte im Jahr 2013 nur durch das Engagement des Bayerischen Rundfunks entstanden sei. Eingriffe in Drehbücher seien Ausnahmen. Auch Carl Bergengruen, Geschäftsführer der Filmförderung MFG, wehrte sich gegen die Klage, der deutschen Filmproduktion mangele es an künstlerisch herausragenden Werken und verwies unter anderem auf das MFG-geförderte Kammerspiel-Drama „Das Hotelzimmer“ von Rudi Gaul. „Wir können auf viele wagemutige, hochqualitative Projekte zurückblicken“, bilanzierte Bergengruen. „Zudem haben deutsche Filmemacher den Vorteil, sich an zahlreiche Fördereinrichtungen wenden zu können, während man zum Beispiel in Frankreich von einem einzigen Filmförderer abhängig ist.“ MFG-Geschäftsführer Bergengruen räumte jedoch ein, dass der „deutsche Fördertourismus“, bei dem Produzenten einen Fördergeld-Strauß vieler verschiedener Einrichtungen für ein einzelnes Projekt zusammenbinden müssen, auch Nachteile hat. Diese beklagte Regisseur und Drehbuchautor Franz Müller (aktuell im Kino mit „Worst Case Scenario“): „Es vergehen oft viele Jahre, bis man einen Film realisieren kann, da hier zu viele Köpfe über die Produktionsgelder und damit über das Werden eines Projektes entscheiden.“ Zudem säßen zu wenig Filmschaffende selbst in den Entscheidungsgremien der Förderinstitutionen. „Das verhindert das Entstehen einer echten Indie-Szene in Deutschland“, betonte Müller. Aus dem Publikum verwies Regisseur und Produzent Veit Helmer („Quatsch und die Nasenbärbande“) auf das Problem, dass Verleihe unabhängige Produktionen nicht ins Programm nähmen, weil sie keine Verleihförderung erhalten würden, wenn der betreffende Film ohne Fördergelder entstanden sei. Zudem böten TV-Sender grundsätzlich unfaire Preise für Filme, die nicht schon mit TV-Fördergeldern entstanden seien. „Schon das Aufbrechen dieser Mechanismen könnte viel bewegen in der deutschen Filmszene“, betonte Filmemacher Franz Müller. Hoffnungsvoll blickte Christoph Gröner, beim Filmfest München verantwortlich für die Sektion „Neues Deutsches Kino“, in die Zukunft. „Der Nachwuchs hat angesichts des deutschen Fördersystems eine Jetzt-erst-recht-Haltung eingenommen und wird immer mutiger“, berichtete Gröner und nannte als Beispiel den kontemplativen Skater-Film „Nightsession“, der auf dem Filmfest München seine Uraufführung erlebte. Als Vorbild für ein effektiveres Fördersystem hob Christoph Gröner das Programm „New Danish Screen“ des Dänischen Filminstitutes DFI hervor. Hier entschieden einzelne „Film Commissioner“ über einen Topf, der damit zahlreiche wagemutige Debütfilme ermöglicht habe. VdFk-Geschäftsführer Frédéric Jaeger hatte die Diskussionsrunde mit der Anmerkung eröffnet, dass in Deutschland zwar Massenerfolge wie „Honig im Kopf“ und der geplante „Tatort“-Kinofilm mit und von Til Schweiger Förderdarlehen in Millionenhöhe erhielten. Doch der im vergangenen Jahr auf fast 80 internationalen Filmfestivals aufgeführte Spielfilm „Das merkwürdige Kätzchen“ von Ramon Zürcher, der damit international zum am stärksten wahrgenommenen Aushängeschild deutscher Filmkunst avancierte, sei als Hochschulfilm ohne öffentliche Förderung entstanden und werde bis heute von keinem TV-Sender gekauft und gesendet. „Der deutsche Film hat international keinen guten Ruf, weil die deutsche Förderlandschaft oft den Wagemut zum künstlerischen Experiment verhindert und überwiegend Filme mit angezogener Handbremse hervorbringt“, sagte Jaeger. „Dieses Fördermodell ist Betrug an unseren Filmemachern.“

disk