Sachen gibt’s! Für das Hochschulmagazin aud!max habe ich das Porträt eines Ingenieurs geschrieben, der für einen Hersteller von Sexspielzeug Qualitätsprüfungssysteme entwickelt. Hier ein Auszug:

„An Sex denkt man spätestens am zweiten Tag nicht mehr“, sagt Kolja Schmidt – und grinst. Mit einer ausladenden Bewegung zeigt der 34jährige auf ein ganzes Sortiment an Sexspielzeug – Dildos, Vibratoren, Pulsatoren – und sagt: „Dann sieht man nur noch die technischen Aufgaben, für die es eine Lösung zu finden gilt.“ Kolja Schmidt hat Wirtschaftsingenieurwesen an der Uni Bremen studiert, bezeichnet sich selbst als „klassischen Tüftler“, der gern schraubt, lötet und bastelt. Seit April ist Kolja Schmidt bei der Fun Factory GmbH in Bremen beschäftigt, einer von Europas größten Herstellern von Sex Toys. Es klingt wie ein schlüpfriger Witz: Ingenieur Schmidt zeichnet dort für die Qualitätsprüfung verantwortlich, testet die Haltbarkeit von vibrierenden Toys aus Silikon und tüftelt an Miniatur-Unwucht-Motoren, die Stoßbewegungen imitieren. „Vorspiel durch Technik“, lautet ein Werbeslogan des Unternehmens. Für Qualitätsmanager Schmidt ist es „ein Traumjob“.

 

Es muss nicht immer Siemens, Trumpf oder Daimler sein – weil Ingenieure derzeit die begehrtesten Kräfte auf dem Arbeitsmarkt sind, können sie sich immer häufiger Ausnahme-Jobs regelrecht aussuchen. So wie Kolja Schmidt: „Ein klassischer Konzern kam für mich als Arbeitgeber nie in Frage“, erinnert sich Schmidt an seinen Studienabschluss vor sieben Jahren. „Ich wollte immer frei und selbstbestimmt arbeiten, in einem kreativen Umfeld mit viel Spielraum.“ Da kam ihm die Fun Factory GmbH gerade recht: Vor 18 Jahren von zwei Elektrotechnikern als Hobby-Butze aus dem Nichts gegründet, erlebte das Unternehmen einen sagenhaften Aufstieg. Mit der konsequenten Strategie, sich mit hochwertigen Produkten – die auch Frauen ansprechen – von Billiganbietern abzuheben und die Sexspielzeuge durch ein augenzwinkerndes, warmherziges Marketing aus der Schmuddel-Ecke herauszuholen, stieg Fun Factory geradewegs durch die Decke. Heute verkauft das Unternehmen 2 Millionen Produkte pro Jahr, konnte seinen Absatz kontinuierlich um 10 Prozent pro Jahr steigern. Es ist das einzige Unternehmen der Life Style-Branche in Europa, dessen Produktion vollständig am heimatlichen Standort stattfindet.

 

Kolja Schmidts Büro am Bremer Weser-Ufer gibt Ausblick auf die deutsche Niederlassung des US-Riesen Kellog’s, der kürzlich 50jähriges Jubiläum gefeiert hat. Am gegenüberliegenden Ufer schraubt Kolja Schmidt Sexspielzeuge auf, die wie Rennwagen oder Delphine aussehen, und erklärt: „In gewöhnlichen Vibratoren stecken Umwucht-Motoren, ähnlich derer, die auch in Mobil-Telefonen den Vibrationsalarm besorgen.“ Dann nimmt er eine Neuentwicklung der Fun Factory in die Hand, die „Stronic Drei“ heißt und sagt: „Wir sind das erste Unternehmen weltweit, dass mit einem Antrieb mit einem Magneten einen Pulsator, also ein Toy, das stößt, gebaut hat.“ Doch zu Kolja Schmidts Aufgaben gehört nicht nur die Tüftelei an Sexspielzeugen. Kopfzerbrechen bereitet ihm auch die „Diva Silikon“: Als erster Hersteller der Branche führte Fun Factory die Produktion aus medizinischem Silikon ein – und dass die Gießmaschinen das Material ohne Blasen in die Dildo-Formen spritzen, gehört zu den täglichen Herausforderungen von Ingenieur Kolja Schmidt.