Für das Landesrundschreiben der Kassenärztlichen Vereinigung habe ich die Folgen der massenhaften Ärzteflucht für Deutschland untersucht. Hier ein Auszug:

Während immer mehr Ärzte aus Deutschland dem als überreguliert empfundenen Gesundheitssystem die kalte Schulter zeigen und auswandern, wächst der Strom ausländischer Bewerber für medizinische Berufe in Deutschland. Doch viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland können die fachlichen und sprachlichen Anforderungen der Arbeitgeber nicht erfüllen.

Noch denkt man in Wolfsburgs Ärzteschaft nicht in Dimensionen der Fußball-Bundesliga – doch die Abwerbe-Summen steigen dort auch für Mediziner kontinuierlich: Seit Januar 2015 zahlt die Stadt Ärztinnen und Ärzten 50.000 Euro Prämie nur dafür, dass sie sich in Wolfsburg niederlassen. Damit wurde die Summe mit einem Schlag von 20.000 Euro auf 50.000 Euro angehoben – und das per Ratsbeschluss. Die Not ist groß: „Bei rund 80 niedergelassenen Hausärzten müsste Wolfsburg in den nächsten Jahren grob geschätzt jährlich fünf Niederlassungen fördern, um die zu erwartenden Abgänge zu ersetzen“, sagt eine Sprecherin der Stadt im Interview mit der „ÄrzteZeitung“. Bisher hat die Stadt nach eigenen Angaben niederlassungswilligen Ärzten insgesamt 200.000 Euro für ihre Praxen bezahlt: 2013 insgesamt an fünf Ärzte – zwei Allgemeinmediziner und drei Fachärzte – und 2014 ebenfalls an fünf Ärzte – vier Allgemeinmediziner und einen Facharzt. Das seit langem bekannte Problem: Es herrscht akuter Ärzte-Mangel.

200 Kilometer weiter nordwestlich in Bremen hat ein erfolgreicher Arzt wütend die Koffer gepackt: „Mir reicht es, ich gebe meinen Traumjob in Deutschland auf und gehe nach Italien“, sagt Georg Peter Krienke, der bis vor kurzem eine Praxis für Allgemeinmedizin mit zwei weiteren Kollegen in der Friedrich-Ebert-Straße unterhielt. „Mein Beruf ist einer der schönsten, den ich kenne – aber in Deutschland herrscht eine erdrückende Überregulierung, die mehr Zeit für absurde Ziffernüberprüfungen verlangt als für qualitativ gute Medizin.“ In Italien will Krienke als Privatarzt arbeiten – die Zulassung dafür hat er schon in der Tasche, jetzt fehlt nur noch der Sprachtest bei der italienischen Ärztekammer, der „Federazione Nazionale degli Ordini dei Medici“. „Hier in Italien möchte ich künftig dem Wohl des Patienten verpflichtet sein und nicht in Abhängigkeit von Institutionen arbeiten“, sagt der Allgemeinmediziner.

Immer mehr denken so wie Georg Peter Krienke: Im Jahr 2013 sind insgesamt 3.035 ursprünglich in Deutschland tätige Ärzte ins Ausland abgewandert. Die Abwanderung hat damit erneut zugenommen, ein Jahr zuvor waren nur 2.241 Ärzte ausgewandert. Die beliebtesten Auswanderungsländer sind – wie in den vergangenen Jahren – die Schweiz (793), Österreich (289) und die USA (143). „Wir stellen fest, das immer weniger Mediziner bereit sind , sich in Deutschland als Vertragsarzt, vor allem in ländlichen Gebieten, niederzulassen“, berichtet Samir Rabbata, Pressesprecher der Bundesärztekammer. In vielen Regionen fehle es an niedergelassenen Haus- und Fachärzten, aber auch in den Krankenhäusern seien viele Arztstellen unbesetzt. Die Gründe hierfür sind vielfältig: „Budgetierung, zunehmende Bürokratisierung und eine schwache Infrastruktur auf dem Land gehören dazu. In den Krankenhäusern sind es die zum Teil unzumutbaren Arbeitsbedingungen, eine als ungerecht empfundene Bezahlung und die häufige Unvereinbarkeit von Beruf und Familie“, fasst Rabbata die Ergebnisse einer Ärztekammer-Umfrage zusammen. „Hinzu kommt in Praxis und Klinik ein Übermaß an bürokratischen und administrativen Aufgaben. Das wirkt abschreckend!“

Auch der Ex-Bremer Georg Peter Krienke findet das System des Regelleistungsvolumens nicht akzeptabel: „Als im Jahr 2009 das Regelleistungsvolumen eingeführt wurde, wurde unser Allergologiebudget in Höhe von jährlich 40.000 Euro kurzerhand gestrichen. Das ist meines Erachtens pure Willkür“, sagt Krienke. Auch wie Krankenkassen auf Basis von Vergleichszahlen Geld zurückfordern, schrecke ab: Da seine Praxis drei Mal so häufig Belastungs-EKGs durchgeführt hatte wie der Durchschnitt, mussten Krienke und seine Kollegen einen fünfstelligen Betrag zurückzahlen. „Dabei haben wir zahlreiche Menschen herausgefischt, die kurz vor einem Herzinfarkt standen, einen Stent bekamen und heute noch leben.“ Aus Sicht des Wahl-Italieners habe seine Praxis den Krankenkassen damit Zigtausende Euros erspart und zugleich wegen einer Volumenüberschreitung draufzahlen müssen. „Diese Perversion des Gesundheitssystems wollte ich nicht mehr mitmachen“, sagt Krienke.