Das Unabhängige FilmFest Osnabrück, für das ich arbeite, wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Für die Festschrift zum Jubiläum habe ich einen Beitrag über die Filme von Michael Winterbottom auf dem FilmFest Osnabrück beigesteuert:

„Wenn man politisch sein will, muss man etwas im Mainstream machen“, hat der britische Filmregisseur Michael Winterbottom 2009 in einem Interview mit der Tageszeitung The Guardian gesagt. Mit Erfolgen wie „Welcome to Sarajevo“, „The Road to Guantanamo“, „In This World – Aufbruch ins Ungewisse“ oder „24 Hour Party People“ bewegte sich der 1961 in Blackburn, Lancashire, geborene Winterbottom stets im Spannungsfeld zwischen Publikumsfaszination, Festivalauszeichnungen und politischem Stoßwillen, in dem auch das Unabhängige FilmFest Osnabrück seit mittlerweile 30 Jahren seinen Platz sucht und ums Überleben kämpft: Wie begeistert man das von einer Vielzahl an Alternativangeboten gelockte Publikum für Filme, die nicht nur Zeit vertreiben, sondern auch mit unbequemen Statements herausfordern? Michael Winterbottom hat dafür in seiner 25jährigen Filmkarriere häufig den skandalösen Aufhänger genutzt, gepaart mit einem bis dato ungesehenen filmischen Stil oder extremen Produktionsbedingungen. Um dann auf brisante Zustände hinzuweisen oder sozial engagierte Botschaften loszutreten: „In This World“ wurde in Rekordzeit von einem reduzierten Team an Originalschauplätzen in der Wüste Afghanistans gedreht, erzählte bewegend und empörend zugleich vom Schicksal eines Flüchtlingskindes. „The Road To Guantanamo“ legte als einer der ersten Filme überhaupt den Finger in die Wunde des unmenschlichen Gefängnisses, in Form eines explosiven Doku-Dramas. Und „24 Hour Party People“ zeigte als innovative Mischung aus Spielszenen, Dokumentarmaterial, Film-im-Film und Cameo-Auftritten bekannter Musiker die politische Sprengkraft von einer Jugendbewegung. Dass das Unabhängige FilmFest Osnabrück als Plattform für engagiertes Kino immer wieder herausragende Filme aus Winterbottoms Schaffen in sein Programm aufnahm, ist da nur logisch: So lief zum Beispiel „In This World“ im Jahr 2003 als Eröffnungsfilm, „24 Hour Party People“ entfaltete seine elektrisierende Wirkung in einer Vorführung im ehemaligen US-Soldaten-Kino „Globe“ am Westerberg im Rahmen des 18. Unabhängigen FilmFest Osnabrück. Gemeinsam mit einem anderen FilmFest-Stammregisseur – Ken Loach, dem soziale Gewissen des europäischen Autorenfilms, dessen Filme in schöner Regelmäßigkeit das Programm des Unabhängigen FilmFest Osnabrück prägten, zuletzt 2014 mit „The Spirit of 1945“ – gilt Michael Winterbottom als herausragender Vertreter des britischen Kinos. Doch die beiden unterscheiden sich grundlegend: Während Loach – ähnlich wie Woody Allen – mit wiederkehrenden, nur leicht variierten Themen und Settings ein kompaktes filmisches Universum geschaffen hat, sucht Michael Winterbottom fast schon wie ein Besessener nach dem radikalen Stilwechsel, dem anderen Genre, nach einer stets neuen Stimme: Auf das Flüchtlingsdrama „In This World“ folgte die Science Fiction-Gesellschaftskritik „Code 46“, auf die das explizite Sex-Experiment „9 Songs“ folgte. Zuletzt drehte Winterbottom mit „Die Augen des Engels“ einen Justiz-Thriller, der auf dem wahren Fall der Amanda Knox basiert und wegen seines frühen Kinostarts für das Programm des Unabhängigen FilmFest Osnabrück nicht in Frage kommt. „Ken Loach hat einige großartige Filme gemacht, keine Frage. Aber man hat fast den Eindruck, als fühlte er sich verpflichtet, immer nur Ken Loach-Filme zu drehen“, hat Michael Winterbottom 2005 in einem Interview mit der Zeitschrift Artechok gesagt. „Aber das macht mich verrückt – die Vorstellung, immer das Gleiche zu tun.“ Da auch das FilmFest Osnabrück offen für neue Formate bleiben muss, war es keine Frage, dass zuletzt 2013 im Festivalprogramm ein auf den ersten Blick untypischer Michael Winterbottom-Film präsentiert wurde: „Everyday“, ein Meisterwerk in der Tradition des italienischen Neorealismus, das bis heute keinen deutschen Kinoverleih gefunden hat und von keinem TV-Sender ausgestrahlt wurde. Winterbottom zieht sich hier ganz aufs Private zurück und zeigt über einen – auch im Prozess der Dreharbeiten eingehaltenen – Zeitraum von fünf Jahren nichts anderes als den Alltag einer jungen Familie in Nordengland, deren Vater aus nicht näher beleuchteten Gründen eine Haftstraße verbüßt. Mit den Stilmitteln des Melodramas führt uns Winterbottom vor Augen, wie der soziale Überlebenskampf mit dem Ringen nach gemeinsamer Lebenszeit und Nestwärme verschränkt ist. Und zeigt uns staunendem und gerührtem Festivalpublikum, wie die große Politik in der kleinen Familie anfängt.

Foto: „Everyday“

 

 

Bild: „Everyday“